Gewalt gegen Pflegebedürftige

Gewalt gegenüber Pflegebedürftigen wird von Angehörigen, Pflegefachkräften oder anderen Pflegebedürftigen im stationären, teilstationären oder ambulanten Sektor ausgeübt.

Pflegebedürftige können aufgrund von körperlichen oder kognitiven Einschränkungen häufig nicht selbst auf ihre Situation aufmerksam machen. Zudem können Scham und Angstgefühle bzw. die Abhängigkeit von den Pflegenden dazu führen, dass sie bei Befragungen keine offenen Antworten geben. Insbesondere kognitive Einschränkungen können verhindern, dass sie überhaupt befragt werden können (Görgen et al. 2009). Sie sind damit eine Gruppe, über die nur schwer verlässliche Daten zur Prävalenz erhoben werden können.

Selbstangaben Angehöriger

Besonders schwer zugänglich ist Gewalt im häuslichen Umfeld. Internationalen Schätzungen zufolge werden zwischen 4 % und 6 % der älteren Menschen in ihrem häuslichen Umfeld misshandelt (Krug et al. 2002).

Görgen et al. (2009) befragten deshalb 254 pflegende Angehörige in Deutschland, die Auskunft über ihr eigenes Verhalten geben sollten. 53 % der Befragten gaben gewalttätige Übergriffe gegen ihre pflegebedürftigen Angehörigen an. Psychische Gewalt, wie Anschreien oder Ignorieren, wurde mit 47,6 % am häufigsten angegeben, aber auch körperliche Gewalt (19,4 %), Vernachlässigung (6,3 %) und freiheitsentziehende Maßnahmen (5,2 %) wurden von den Angehörigen selbst genannt.

Noch höhere Werte ermittelten Thoma et al. (2004) in einer Längsschnittstudie zur Messung von Angehörigenbelastung bei der Pflege von Demenzkranken. Hier gaben 88 % der Befragten an, innerhalb der vergangenen zwei Wochen gegenüber den pflegebedürftigen Personen gewalttätig geworden zu sein. Häufig wurde Anschreien (48 %) und Drohen (28 %) genannt, aber auch das zu harte Anfassen von Pflegebedürftigen gaben 39 % der Angehörigen über sich selbst an. 25 % der Befragten gaben an, den Bewegungsfreiraum der Pflegebedürftigen einzuschränken.

Die Selbstauskunft der pflegenden Angehörigen gibt einen Hinweis auf die Relevanz des Problems für pflegebedürftige Personen und Angehörige in der täglichen Praxis. Sie lässt aber auch darauf schließen, dass diesem problematischen Verhalten keine böse Absicht vorausgeht, sondern Überforderung und starke persönliche Belastungen der Grund dafür sind.

Görgen et al. (2009) weisen aber darauf hin, dass ältere Menschen auch für Gewaltkriminalität, wie z.B. finanzielle Ausbeutung oder sexuelle Übergriffe, eine vulnerable Zielgruppe sind. Diese Szenarien absichtlich ausgeübter Gewalt werden durch die Selbstauskunft der Angehörigen jedoch nicht erhellt.

Selbstangaben professioneller Pflegekräfte

Gewalt durch professionelle Pflegekräfte kann sich auf unterschiedliche Arten äußern, zum Beispiel körperliche Gewalt, freiheitsentziehende Maßnahmen, Medikamentenmissbrauch, psychische Gewalt, Machtmissbrauch und Vernachlässigung oder das Ignorieren von Wünschen. Diese resultieren oft aus Zeitdruck, struktureller Fehlorganisation, Stress, privaten Problemen oder einer fehlerhaften Kommunikation (von Hirschberg et al. 2009: 10ff.).

Eine Befragung von Pflegekräften zeigte, dass 2 bis 40 Prozent über sich selbst sagen, einer pflegebedürftigen Person bereits körperliche oder psychische Gewalt zugefügt haben. Weiterhin gaben 11 bis 99 Prozent an gewaltsame Handlung beobachtet oder davon gehört zu haben (Daly et al. 2011; Görgen et al. 2009; Cooper et al. 2008). In der deutschen Studie von Görgen et al. (2006) gaben 70 % der befragten Pflegekräfte an, schon einmal gewalttätig gegenüber Pflegebedürftigen gewesen zu sein (Görgen et al. 2009).

Im Jahr 2014 führte die Stiftung des Zentrums für Qualität in der Pflege eine repräsentative Bevölkerungsbefragung zum Thema „Aggression und Gewalt in der Pflege“ durch, in welcher fast 40 Prozent der Befragten Pflegekräfte aus dem ambulanten Bereich angaben, sich in den vergangenen zwölf Monaten gegenüber einer pflegebedürftigen Person fehlerhaft verhalten zu haben. Angegeben wurden psychische und verbale Gewaltformen (21 %) und pflegerische Vernachlässigung (19 %) (Zentrum für Qualität in der Pflege 2014).