Körperliche Anzeichen

Jegliche Diskrepanz zwischen der Schilderung von Ursachen für eine Verletzung und dem Befund ist ein Hinweis auf das mögliche Vorliegen von Gewalt, die verborgen werden soll.

Bei einem einmaligen Vorfall, wie bspw. einem unerwarteten Angriff in der Öffentlichkeit, lassen sich akute Verletzungen vorfinden, die zum selben Zeitpunkt entstanden sind. Bei familiärer Gewalt/Partnergewalt ist typisch, dass verschiedene Gewaltformen kombiniert werden, sich körperliche Übergriffe wiederholen und manchmal steigern. Bei zeitlich eng aufeinanderfolgenden Gewalteinwirkungen sind oft multiple Verletzungen in unterschiedlichen Heilungsstadien vorzufinden.

Hinweise auf körperliche Gewalt

  • multiple Verletzungen, wie bspw. Prellungen, Schürfungen, Verbrennungen
  • Hämatome verschiedenen Alters
  • geformte Verletzungen bsps. durch einen Gegenstand
  • Verletzungen an nicht sturz- oder anstoßtypischen Stellen
  • gleichzeitige ventrale und dorsale Verletzungen
  • Verletzungen im Kopf- und Gesichtsbereich und an den Extremitäten
  • Verletzungen im Brust-, Bauch- und Genitalbereich
  • Verbrennungen/Verbrühungen an ungewöhnlichen Körperstellen (Rücken, Gesäß, Beine)
  • Würgemale (Kratzer, Rötungen oder Unterblutungen der Halshaut) und petechiale Einblutungen an den Augenbindehäuten
  • kahle Stellen am Kopf (durch Ausreißen der Haare)
  • Bissverletzungen

(vgl. Seifert et al. 2006, Hellbernd 2006)

Hinweise auf sexualisierte Gewalt

  • Hämatome an den Brüsten und Oberschenkeln
  • Hämatome und Schürfungen über den Dornfortsätzen der Wirbelsäule (sog. Widerlagerverletzungen durch Liegen auf hartem Untergrund)
  • Verletzungen (Einrisse) und Hämatome im Genital-/Analbereich
  • vaginale/anale Blutungen
  • Verletzungen an den Lippen und in der Mundhöhle (durch erzwungenen Oralverkehr)
  • ungewollte Schwangerschaft
  • durch Geschlechtsverkehr übertragbare Infektionen (bei Kindern)
  • Verletzungen wie Kratzer, striemenartige Einblutungen oder Hämatome als Folge eines gewaltsamen Entkleidens

(vgl. Seifert et al. 2006, Hellbernd 2006)

Liegen keine körperlichen Anzeichen für sexualisierte Gewalt vor, so ist dies kein Beweis dafür, dass keine sexualisierte Gewalt stattgefunden hat.

Hinweise bei Säuglingen und Kindern

  • Unter- und Fehlernährung
  • unversorgte Gesundheitsprobleme (z.B. Zahnerkrankungen)
  • Verletzungen an sturz- bzw. anstoßuntypischen Körperarealen
  • geformte Verletzungen
  • Bissmarken
  • Verbrennungs- bzw. Verbrühungsmuster (bspw. „Handschuh-bzw. Strumpf-Muster“, „Donut-Muster“, Kontaktverbrennungen bspw. durch Ausdrücken einer Zigarette auf der Haut)
  • multiple Frakturen in unterschiedlichen Heilungsstadien
  • unfalluntypische abdominale Verletzungen (Leber, Darm)
  • subdurale und retinale Blutungen als ein Hinweis auf das „Shaken Baby Syndrom
  • Verletzungen im Mundbereich (Zahnfrakturen, Verletzungen des Zungenbändchens durch gewaltsames Zuführen von Nahrung, Verbrennungen der Mundschleimhaut)

(vgl. Herrmann et al. 2010; Leitlinie Kinderschutz)

Hinweise auf Gewalt bei Pflegebedürftigen

Pflegebedürftige Personen sind nicht immer in der Lage, sich zum Geschehen angemessen zu äußeren. Das macht es nicht leicht, Gewalt zu erkennen.

Neben den Hinweisen auf körperliche Gewalt können einige unklare Befunde Hinweise auf Vernachlässigung sein:

  • Druckgeschwüre
  • Dehydration
  • Unter- bzw. Fehlernährung
  • unsaubere und beengte Wohnverhältnisse
  • unzureichende Beschäftigung
  • fehlende Sozialkontakte
  • unversorgte/unbehandelte Gesundheitsprobleme (u. a. Zahnprobleme, Infektionen, Frakturen)
  • Medikamente, die nicht, zuviel oder falsch verabreicht werden

(vgl. Lehner et al. 2010)

Schürfungen an den Hand- und Fußgelenken können darauf hinweisen, dass Fixierungen zu lange oder unsachgemäß angebracht wurden. Gurtfixierungen können auch zu Todesfällen führen (Berzlanovich et al. 2012).

Achtung: Physiologische Veränderungen im Alter, gesundheitliche Probleme und unerwünschte Wirkungen der Medikation können Symptome hervorrufen, die denen einer Gewalteinwirkung ähneln (Graß, Walentich 2006). So können bspw. gerinnungshemmende Medikamente sowie altersbedingte Hautveränderungen die Entstehung von Hämatomen begünstigen.