Einen Verdacht ansprechen

Die Hemmschwelle für Betroffene von sich aus ein Gespräch über die erlebte Gewalt zu beginnen kann sehr hoch sein, vor allem dann, wenn der Täter oder die Täterin dem nahen sozialen Umfeld angehören. Im Kontext medizinischer und pflegerischer Hilfe scheint es Betroffenen noch am ehesten zu gelingen, über gewaltbedingte Verletzungen und Beschwerden zu sprechen, insbesondere wenn sie danach gefragt werden (GiG-net 2008).

Wenn Sie als Ärztin, Arzt oder Gesundheitsfachkraft das Thema nicht ansprechen, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass den Betroffenen nicht geholfen werden kann und sich die Gewalt chronifiziert - zumindest bei familiärer Gewalt und Partnergewalt. 

Es ist möglich, dass Betroffene auch dann leugnen, wenn sie direkt darauf angesprochen werden. Das ist ihr Recht und muss akzeptiert werden. Trotzdem ist es möglich, dass sie dann bei einem späteren Kontakt eher einmal auf das Thema zurückkommen oder dass sie gerade auf diese Gelegenheit gewartet haben, um sich zu öffnen. Deshalb ist wichtig, dass Sie den Betroffenen Unterstützung signalisieren.

Bitte beachten!

Bitte stellen Sie keine Suggestivfragen, die eine eventuelle spätere polizeiliche Vernehmung beeinflussen können. Signalisieren Sie Empathie ohne dabei Ihre objektive, professionelle Rolle zu verlieren.

Vier zentrale Botschaften, die Sie Gewaltopfern vermitteln sollten

Sie sind nicht Schuld an dem, was passiert ist.

Sie sind nicht alleine mit dem, was passiert ist.

Sie können sich uns und anderen Hilfesystemen anvertrauen.

Sie (und Ihre Kinder) können geschützt werden.

Was wollen Betroffene?

Zur Frage ob Gewaltopfer angesprochen werden wollen, liegen vor allem Studien vor, die sich auf Partnergewalt beziehen. So eine deutsche Studie: Im Rahmen der wissenschaftlichen Begleitung des S.I.G.N.A.L.-Interventionsprogramms wurden 2002 in der Notaufnahme des Benjamin Franklin Krankenhauses in Berlin Frauen zwischen 18 und 60 befragt. Der Auswertung liegen Daten von 806 Frauen zugrunde, die Responserate lag bei 70 %. Mehr als zwei Drittel der Befragten befürworteten eine Frage nach Gewalterfahrung als Teil der allgemeinen Anamnese. Im Fall von erlittener Gewalt wären für 67 % der Befragten Ärztinnen und Ärzte Ansprechpartner. Nur 8 % der Befragten sind jemals von ihrem Arzt oder ihrer Ärztin nach Gewalterfahrungen gefragt worden. Ein Drittel aller Frauen und 45 % der Gewaltbetroffenen hätte sich eine Frage nach erlebter Gewalt gewünscht (Hellbernd et al 2004).

Im Kontext der Pflege sind es häufig auch die Pflegenden, die Gewalt ausüben, die Hilfe wollen. Görgen et al. (2010) ermittelten sowohl unter Laienpflegenden als auch unter Pflegefachkräften im ambulanten Setting eine hohe Bereitschaft über Gewalt in Pflegebeziehungen zu sprechen und Hilfe zu erhalten. Dies bietet einen Ansatzpunkt für Prävention und Intervention in der Pflege und eine gute Grundlage dafür, Gewalt auch gegenüber den Tätern anzusprechen.

Warum Betroffene schweigen

  • Scham
  • Gefühl, alleine betroffen zu sein
  • Schuldgefühle
  • Gefühl, mitverantwortlich zu sein
  • Gefühl, es nicht besser verdient zu haben
  • Angst, es könnte damit alles schlimmer werden
  • Abhängigkeit vom Täter/der Täterin (finanziell, emotional etc.)
  • Befürchtung, stigmatisiert zu werden, wenn Empfehlungen nicht zeitnah umgesetzt werden

(vgl. GiG-net 2008)

Warum Gesundheitsfachberufe nicht fragen

  • Patientin/Patient ist nicht alleine
  • Möchte niemandem zu nahe treten
  • Möchte keinen unbegründeten Verdacht aussprechen
  • Kulturelle Barrieren
  • Unsicherheit, was dann zu tun ist
  • Keine Zeit für ein Gespräch
  • Keine rechtliche Verpflichtung
  • Gehört nicht zum Fachgebiet
  • Befürchtung, die Patientin /der Patient würde den Empfehlungen nicht Folge leisten

(vgl. Beynon et al. 2012)